Der Eismeister

Betrieblicher Alarm- und Gefahrenabwehrplan (BAGAP) für Ammoniak-Kälteanlagen​

Betrieblicher Alarm- und Gefahrenabwehrplan (BAGAP) für Ammoniak-Kälteanlagen

Eismeister bei der Arbeit im Maschinenraum

Der betriebliche Alarm- und Gefahrenabwehrplan ist ein zentraler Bestandteil der Betriebssicherheit bei Ammoniak-Kälteanlagen. Er legt Verantwortlichkeiten, Kommunikationswege und Maßnahmen im Störfall fest – von der Alarmierung über die Evakuierung bis hin zur Zusammenarbeit mit der Feuerwehr.

Was muss ich mir merken?
  • Der Plan muss vorher fertig sein – im Alarm ist keine Zeit für Improvisation.
  • Es braucht klare Rollen (wer entscheidet, wer meldet, wer überwacht, wer dokumentiert).
  • Kommunikation ist ein eigener Punkt: Meldekette, Durchsagen, Sammelplatz, Feuerwehr-Einweisung.
  • Nach jedem Alarm: Protokoll + Nachbesprechung und der Plan wird ggf. angepasst.

1. Vorgabe der TRAS 110

Die Technische Regel für Anlagensicherheit (TRAS 110) verpflichtet Betreiber von Kälteanlagen mit Ammoniak, einen Alarm- und Gefahrenabwehrplan zu erstellen. Im Abschnitt 4.10 der TRAS 110 heißt es dazu:

„Der Betreiber hat einen Alarm- und Gefahrenabwehrplan zu erstellen, der beschreibt, wie im Falle einer Störung oder Freisetzung vorzugehen ist. Der Plan muss auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmt und regelmäßig überprüft werden.“

Diese Anforderung stellt sicher, dass bei Zwischenfällen – insbesondere bei Ammoniakfreisetzungen – schnell, koordiniert und sicher reagiert werden kann.

2. Rechtliche Grundlagen

  • TRAS 110 (Kapitel 4.10) – verpflichtet Betreiber zur Erstellung eines Notfallplans
  • BImSchG §5 – Maßnahmen zur Verhinderung von Störfällen
  • 12. BImSchV – Störfallverordnung
  • ArbSchG & BetrSichV – Schutz der Beschäftigten bei Notfällen
  • TRGS 725 – Anforderungen an Gaswarnsysteme

Wichtig in der Praxis: Die Gesetze und Verordnungen sagen selten „mach genau Schritt A, dann B“. Sie fordern aber, dass du organisiert bist: Zuständigkeiten, Maßnahmen, Unterweisungen, Übungen, Dokumentation. Genau dafür ist der BAGAP da.

3. Ziele des Alarm- und Gefahrenabwehrplans

  • Schutz von Mitarbeitenden und Besuchern
  • Vermeidung von Sach- und Umweltschäden
  • Schnelle und koordinierte Notfallreaktion
  • Klare Abläufe für Feuerwehr und Rettungskräfte

4. Rollen und Zuständigkeiten

Im Alarm- und Gefahrenabwehrplan Verantwortlichkeiten eindeutig festlegen: Betriebsleitung, Schichtführung, Technik, Erste Hilfe, Evakuierungshelfer. Stellvertretungen benennen, Erreichbarkeiten und Rufnummern aktuell halten.

Typische Rollen (damit es im Alarm nicht chaotisch wird):
  • Einsatz-/Objektverantwortlicher: trifft Entscheidungen, hält den Überblick, gibt „Go/Stop“.
  • Türposten / Sicherungsperson: bleibt außerhalb des Gefahrenbereichs, überwacht, koordiniert Hilfe.
  • Kommunikation: ruft an, meldet Lage, dokumentiert Zeiten, hält Kontakt zur Leitstelle/Feuerwehr.
  • Technik-Team: arbeitet nach Plan (z. B. Abschieberoutine, Absperrungen, Notlüftung prüfen).
  • Räumung / Besucherlenkung: setzt Evakuierung um, kontrolliert Bereiche, meldet Vollzähligkeit.

5. Alarmstufen und Auslösung

Alarmstufen definieren und auslösende Kriterien festlegen (z. B. Meldung der Gaswarnanlage, Druck-/Temperaturabweichungen, Sicht- oder Geruchswahrnehmung). Für jede Stufe Erstmaßnahmen, Meldeketten und Evakuierungsbereiche beschreiben.

Wichtig ist auch: Der BAGAP muss klar sagen, ab wann niemand mehr ohne Schutz rein darf und ab wann Feuerwehr/Notruf zwingend ist. Das nimmt im Ernstfall Druck aus der Entscheidung.

6. Kommunikations- und Meldeketten

  1. 1. Interne Alarmierung und Räumungsbefehl
  2. 2. Notruf an Leitstelle mit festem Lagemuster
  3. 3. Benachrichtigung der Betriebsleitung und ggf. Nachbarbetriebe
  4. 4. Informationspunkt am Sammelplatz, Lagefortschreibung
Muster-Erstmeldung: Wer meldet? Was ist passiert? Wo genau? Wie viele betroffen? Welche Gefahren? Warten auf Rückfragen.

Praxis-Tipp: Eine „ständig besetzte Stelle“ (z. B. Leitstelle/Security) kann extrem helfen – aber nur, wenn der BAGAP sauber definiert: wer ruft wen wann an und wer bestätigt die Rückmeldung.

7. PSA und Ausrüstung

  • Standorte: Augen-/Hautspülung, Handschuhe, Filter/Masken, Warnwesten
  • Werkzeuge für Abschieberoutinen (zwei Rollgabelschlüssel, eindeutig gekennzeichnet)
  • Messgeräte, Prüffristen und Funktionstests dokumentieren
Ganz wichtig: Der Plan muss sagen, wo die PSA liegt, wer Zugriff hat und was im Alarm mindestens getragen werden muss (inkl. Ersatz / zweite Maske / neue Filter).

8. Übungen, Tests und Unterweisungen

Regelmäßig mit der Feuerwehr und intern üben; Gaswarnanlage und Notabschaltungen testen; Evakuierungswege prüfen. Unterweisungen zum Plan durchführen und nachweisen; Ergebnisse in den Plan zurückspielen.

„Der Plan ist regelmäßig zu überprüfen, zu üben und bei Änderungen fortzuschreiben; die zuständige Feuerwehr ist einzubinden.“

9. Mustergliederung nach TRAS 110 (Anhang 3)

Ergänzt um typische Inhalte aus der Praxis:

  1. 1. Angaben zum Betrieb, zur Ammoniak-Kälteanlage und zur Umgebung
  2. 2. Gefahrenschwerpunkte (Hauptgefahren, weitere Stoffe, Gefahrenbereiche)
  3. 3. Gefahrenabwehr (Kräfte, Kommunikation, Einrichtungen)
  4. 4. Anhang I: Alarmplan (Alarmierungsplan, Verhalten, Objektplan)
  5. 5. Anhang II: Einzelpläne (Lageplan, Feuerwehrplan, R&I-Fließbilder)
  6. 6. Anhang III: Weitere Unterlagen (Sicherheitsdatenblätter, Betriebsanweisung)

Viele Pläne scheitern nicht am Inhalt, sondern daran, dass Unterlagen nicht auffindbar sind oder veraltet. Deshalb gehört ein Revisionsverzeichnis dazu: Was ist Version 1/2/3, was wurde geändert, wer hat freigegeben?

10. Wiederanlauf und Freigabe

Freigabekriterien definieren: Messungen dokumentiert, Bereiche gelüftet, Ursachenanalyse abgeschlossen, Ausrüstung wiederhergestellt, Rückmeldung an Leitung erfolgt. Wiederanlauf in Schritten mit Checkliste durchführen.

Praxis-Check (kurz und klar):
  • Messwerte sind stabil und unkritisch (Trend: sinkend).
  • Ursache ist gefunden und abgesichert (z. B. Ventile geschlossen/gesichert/markiert).
  • Notlüftung / Gaswarnanlage sind wieder im Normalbetrieb.
  • Dokumentation ist geschrieben (wer, was, wann, warum).
  • Freigabe durch verantwortliche Person ist erfolgt (nicht „einfach wieder einschalten“).

11. Dokumentation und Auswertung

Nach jedem Alarm oder Notfall muss ein Protokoll erstellt werden. Darin sollte stehen: Wann ist etwas passiert, wer war beteiligt, welche Maßnahmen wurden ergriffen und welche Messergebnisse gab es. Nach dem Einsatz sollte eine Nachbesprechung (oft „Lessons Learned“ genannt) stattfinden. Dabei wird geprüft, was gut funktioniert hat und was verbessert werden muss. Die Erkenntnisse sollten in den Alarm- und Gefahrenabwehrplan übernommen werden.

Was in ein gutes Protokoll gehört:
  • Zeitlinie: Alarm (Uhrzeit), Eintreffen, Maßnahmen, „alles stabil“
  • Wer war vor Ort (inkl. Rollen: Türposten, Technik, Kommunikation)
  • Was wurde gemacht (Ventile, Abschaltungen, Ölbindemittel, Lüftung)
  • Messwerte/Trend der Gaswarnanlage (steigend/sinkend)
  • Was lief gut – und was ändern wir konkret beim nächsten Mal

12. Schnittstellen im Betrieb

  • Die Gefährdungsbeurteilung ist die Grundlage für alles. Alles, was dort als Risiko erkannt wurde, gehört auch in den Alarm- und Gefahrenabwehrplan. → 📘 Mehr zur Gefährdungsbeurteilung
  • Nach jeder Änderung oder Übung sollten auch die Unterweisungen und Betriebsanweisungen angepasst werden. → 🧭 Mehr zu den Betrieblichen Unterweisungen
  • Wichtig in Eishallen: Publikum, Verein, Dienstleister. Der BAGAP muss sagen, wer im Alarm die Halle „operativ führt“ (und wer parallel den Sportbetrieb/Veranstalter informiert).

13. Externe Rechtsgrundlagen

14. Praxisbeispiele: Was in echten Fällen schiefgehen kann

Der BAGAP wird am besten, wenn er aus realen Erfahrungen lernt. Hier sind typische Situationen, die in vielen Betrieben schon passiert sind (und die man mit klaren Regeln im Plan sauber abfangen kann):

Praxisbeispiel 1: Ölverlust als Frühwarnsignal

An der Wellenabdichtung tritt regelmäßig Öl aus, der Ölbereich muss häufig gereinigt werden. Das ist oft ein Hinweis, dass „etwas nachlässt“ – und genau hier kann man früh reagieren (Dichtung planen/tauschen), bevor ein größerer Vorfall entsteht.

Praxisbeispiel 2: Alle sind im Maschinenraum – niemand sichert außen

Am Ende des Einsatzes sind plötzlich alle drei Personen im Raum, niemand steht mehr außerhalb des Gefahrenbereichs. Genau dafür braucht der Plan eine klare Regel: Türposten bleibt Türposten – bis offiziell „Einsatz beendet“ ist.

Praxisbeispiel 3: Not-/Augendusche wird erst im Ernstfall geprüft

Im Alarm stellt man fest, dass die Notdusche oder Augendusche nicht geprüft wurde. Lösung im BAGAP: Vor jedem Einsatz in den Gefahrenbereich (wenn realistisch möglich) kurzer Funktionscheck oder festes Prüfintervall mit Dokumentation.

15. Evakuierung, Sammelplatz & Besucherkommunikation

In Eishallen ist ein Alarm nicht nur „Technik“. Es sind oft Besucher da – und genau deshalb muss der BAGAP eine klare Linie für Räumung, Sammelplatz, Durchsagen und Absperrung enthalten.

  • Wer gibt den Räumungsbefehl? (und wer darf ihn nicht „überstimmen“)
  • Wie wird geräumt? (Durchsage-Text, Personalpositionen, Ausgangswege)
  • Wo ist der Sammelplatz? (inkl. Ersatz-Sammelplatz bei Windrichtung)
  • Wer zählt / prüft? (Personal, Teams, Kurse, Kabinenbereiche)
  • Wer sperrt ab? (Zutrittskontrolle, Nachzügler, „Ich hol nur schnell…“ verhindern)
Praxis-Tipp: Ein kurzer, vorbereiteter Durchsage-Text im BAGAP spart Zeit und klingt sicherer als Improvisation. Zusätzlich kann ein „Info-Punkt“ am Sammelplatz definiert werden (wer dort steht, wer informiert, wer dokumentiert).

16. Feuerwehr-Einweisung & Unterlagen vor Ort

Wenn die Feuerwehr kommt, muss sie schnell verstehen: Was ist das Objekt, wo sind die Gefahren, was wurde bereits gemacht? Das klappt nur, wenn Unterlagen vor Ort verfügbar sind und jemand die Feuerwehr einweisen kann.

  • Feuerwehrplan (z. B. nach DIN 14095, falls gefordert/üblich)
  • Objekt-/Lageplan mit Zugängen, Maschinenraum, Fluchtwegen, Sammelplatz
  • R&I-Fließbilder / Anlagenübersicht (mindestens das, was im Alarm gebraucht wird)
  • Absperrstellenplan: Welche Ventile sperren was ab? (verständlich beschriftet)
  • Kontaktliste: Betreiber/Technik, Bereitschaftsdienst, Sachkundige, Hersteller, Sicherheitsdienst
Wichtig: Der BAGAP sollte festlegen, wo diese Unterlagen liegen (Ordner/Schlüsselkasten), und wer sie im Alarm an die Feuerwehr übergibt.

17. Notdusche, Augendusche, Ölbindemittel: Funktionschecks

Viele Betriebe haben die Ausrüstung – aber im Ernstfall fehlen Kleinigkeiten (leer, verstopft, nicht erreichbar, nicht geprüft). Der BAGAP sollte deshalb kurze, simple Prüfregeln enthalten.

  • Notdusche/Augendusche: regelmäßige Prüfung und Dokumentation, Zugänglichkeit sicherstellen.
  • Ölbindemittel: Menge, Lagerort, Zuständigkeit für Nachfüllen, Entsorgung als belasteter Abfall (wenn kontaminiert).
  • PSA: Masken/Filter (Datum!), Handschuhe, Schutzkleidung – und ein „Backup“, falls etwas kaputt ist.
  • Werkzeuge: definierte Absperr-Werkzeuge, beschriftet und sofort greifbar.
Ganz realistisch: Im Alarm ist alles hektischer. Wenn der BAGAP hier konkret ist („liegt dort“, „prüft das“), wird aus Stress eine Routine.